Eiszapfenbildung

Nicht immer sind die Baugewerke schuld

 

Der/Die eine oder andere wird sich noch an meinen Fachartikel zum Thema Eiszapfenbildung erinnern, den ich vor einigen Jahren veröffentlicht habe und auch immer wieder bei Vorträgen auszugsweise thematisiere. Außen abrinnendes Kondenswasser und Eiszapfenbildung im Winter sind in der Regel klare Anzeichen von Undichtheiten an der (luftdichten) Gebäudehülle.

 

Folgender Spezialfall zeigt auch, dass trotz tauglicher (luftdichter) Gebäudehülle Kondenswasser- und Eiszapfenbildung auftreten kann.

 

Die Eckdaten:

  • freistehendes, eingeschossiges Hallenbad in Massivbauweise
  • Kaltdach auf einer Massivholz- platte über der Schwimmhalle
  • Bauphysikalisch geeignete bi- tuminöse Dampfsperre (Im Detail ist diese über die Umschließungsroste oder bei Aus- mauerungen auf einen durchgehenden Glattstrich an den Mauerkronen bis zu den Gebäudeaußenkanten vollflächig durchgezogen)
  • Warmdach auf einer Betondecke über den Nebenräumen
  • vollflächiger Verputz an der Innenseite (von der Fundamentplatte bis zur Massivholzdecke)

 

Dem Eigentümer ist im Winter immer wieder aufgefallen, dass Wasser von den Dachrandverblechungen abtropft, sich Eiszapfen bilden bzw. die Fassade bei den Dachanschlüssen gelbe/braune Flecken zeigt. Im Badezimmer hat sich zusätzlich ein großer Wasserschaden direkt unter dem Warmdach ergeben.

Bevor man mit mir in Kontakt ge- treten ist, war ein Kollege am Dach mit den ersten Befundaufnahmen betraut und dabei wurden insbesondere wegen des ergangenen Wasserschadens im Bereich der Duschen Überprüfungen an der Dachabdichtung (Nahtprüfungen, Augenscheinkontrollen) sowie eine Bauteilöffnung an der Attika durch- geführt. Es war kein Wassereintritt nachvollziehbar und auch im Warmdach der Nebenräume war kein gestautes Wasser im Flachdachaufbau über dem Wasserschaden vorzufinden. Die Holzplatte unter der Attika hat insbesondere direkt über der Kleberfuge des WDVS eine stark dunkle Verfärbung aufgewiesen. Da vom Dachtechniker keine Ursachen am Gewerk des Spenglers / Schwarzdeckers festzustellen war, wurde ich als Bauphysiker aufgrund der starken Feuchtelast aus dem Hallenbad- betrieb für weitere Ursachenergründungen beigezogen.

 

Die Befundaufnahme im Jänner 2020 fand unter kalten winterlichen Bedingungen mit Wind bei Temperaturen von ca. -3° C statt. Zu Beginn der Befundaufnahme wurde die Gebäudehülle an der Innenseite mittels IR-Thermographie auf markante Leckagen, konvektive Wärmebrücken oder sonstige Anzeichen von Luftströmungen untersucht. Im üblichen Zustand haben sich dabei nicht auch nur annähernd verdächtige Stellen gezeigt. Im Weiteren wurde mit dem anwesenden Schwarzdecker die Detailausbildung der Dampfsperre (Abschlüsse und Bauteilübergänge) besprochen und von mir auf Plausibilität geprüft. Auch der anwesende Baumeister hat für seinen Teil die erforderlichen Maßnahmen einer luftdichten Gebäudehülle grundsätzlich umgesetzt und konstruktiv vorgesehen. Damit war sehr schnell klar, dass dem Grunde nach massive Kondenswasserbildung rundum am gesamten Gebäude nicht durch einen grundlegenden Fehler an Bauteilübergängen oder durch ein mangelndes Luftdichtheitskonzept verursacht sein kann, sondern andere Gründe vorliegen müssen. Dabei ist mir immer wieder das Bild der stark feuchtebelasteten Mehrschichtplatte an der Attika, genau an der Klebefuge des WDVS, im Kopf geblieben.

 

Dass warme Luft zwischen Mauerwerk und WDVS auftritt und sich an den Attikaverblechungen nach außen schiebt, war theoretisch die einzige Lösung, doch praktisch war die Suche nach der definitiven Ursache noch nicht abgeschlossen.

Im Weiteren wurde beim Befund die natürliche Druckdifferenz des im Betrieb stehenden Hallenbades bei den kalten winterlichen Außenbedingungen gemessen. Die erste Befürchtung, dass das Gebäude grundsätzlich in einem Überdruck zur Umgebung steht, war nach den ersten Messungen schnell verflogen. Wie zu erwarten und für ein Gebäude auch grundsätzlich notwendig haben die Drucksensoren einen gleichmäßigen Unterdruck von ca. 3 Pa im Hallenbad gezeigt. Aufgrund des vorliegenden Windes waren Druck- schwankungen im Bereich von -1 bis -5 Pascal vorhanden. Ein Überdruck hat sich nicht auch nur annähernd gezeigt. Soweit so gut. Es wird also über die Anschlussfugen zum Dach durch den vorhandenen Unterdruck stets Frischluft in das Gebäude gezogen. Dadurch kann kein Kondensat an der Gebäudeaußenhülle auftreten. Die Suche geht weiter.

 

Da Hallenbäder stets mit einer Entfeuchtungsanlage ausgestattet sind und diese große Luftmengen transportieren müssen, ergibt sich in der Regel auch bei Betrieb ein noch größerer Unterdruck. Daher habe ich den Bauherrn gebeten, die Entfeuchtungsanlage manuell in Betrieb zu nehmen, um Druckveränderungen am Gebäude einerseits festzustellen und andererseits bei zu erwartendem erhöhten Unterdruck nochmals eine Thermographie durchzuführen, um vielleicht doch irgendwelche schadenskausalen Leckagen (konvektiven Wärmebrücken) zu erkennen. Binnen weniger Sekunden nach Inbetriebnahme der Entfeuchtungsanlage zeigten meine Differenzdrucksensoren einen Überdruck von ca. 20 Pascal. Da ich elektronischen Messgeräten stets mit einer gewissen Grundskepsis gegenüberstehe und nicht alles glaube, was am Display aufscheint, habe ich das Messgerät noch einmal neu gestartet und auch eine Vergleichsmessung mit einem zweiten Druckmessgerät durchgeführt. Die neuen übereinstimmenden Messergebnissen lassen die Ursache für die Eiszapfenbildung sofort erkennen. Sobald die Entfeuchtungsanlage durch eine elektrische Regelung automatisch in Betrieb gesetzt wird, bläst sich das Hallenbad quasi wie ein Luftballon auf und die warm- feuchte Hallenbadluft (28°C/max., 65% rel. LF) wird über kleinste Fugen nach außen gedrückt. Da die Hallen- badluft ihren Taupunkt bei ca. 20°C hat, ist einem sehr schnell klar, dass am Weg nach Außen die Luft bereits in den Bauteilschichten unter den Blechabdeckungen kondensieren muss. Daher waren auch die Fassadenanschlüsse sehr schnell mit gelben und braunen Flecken beeinträchtigt.

 

Offenbar ist bei der Entfeuchtungs- anlage die Zuluft- und Abluftmenge nicht so aufeinander abgestimmt, dass bei Betrieb weiter ein Unterdruck im Gebäude gehalten wird. Es wird mehr Luft dem Gebäude zugeführt als entzogen. Damit ergibt sich der Überdruck. Die Anlage ist im Weiteren entsprechend einzuregeln, damit zukünftig beim Entfeuchten nicht das Gegenteil des Gewollten eintritt, nämlich dass erst recht Feuchtigkeit in die Konstruktion hineingepresst wird.

 

Wieder einmal zeigt sich, dass Kondenswasser- und Eiszapfenbildung oder sei es nur eine Verfleckung der Fassade beim Dachanschluss, nicht unmittelbar mit den Gewerken der Bautechnik in Verbindung stehen muss. Im konkreten Fall ist die haus- technische Anlage ursächlich für austretendes Wasser aus dem Dach.

 

Den Fachartikel vom Spengler Fachjournal Ausgabe 06/2014 zum Thema Eiszapfenbildung können Sie nachfolgend downloaden.

  

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Artikel "Eiszapfenbildung" aus Ausgabe 06/2014
Eiszapfenbildung 06_2014.pdf
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Dipl.-Ing. (FH) Andreas Perissutti

Allgemein beeideter gerichtlich zertifizierter Sachverständiger

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