Anpacken und Ankommen

Das „FORUM PRÄVENTION“ der AUVA ist die bedeutendste österreichische Fachveranstaltung auf dem Gebiet der Prävention. Rund 700 Teilnehmer:innen und Vortragende im Congress Innsbruck sowie 230 Teilnehmer:innen online dabei. Im Zentrum der Veranstaltung stand das Thema „Wie man Lehrlinge und junge Arbeitnehmer:innen für Sicherheit und Gesundheit begeistern kann“. Darüber hinaus wurde über den auslaufenden AUVA-Präventionsschwerpunkt zu Muskel-Skelett-Erkrankungen „Packen wir‘s an!“ Bilanz gezogen und der neue Schwerpunkt „Komm gut an!“ zum Thema Verkehrssicherheit im Arbeits- und Bildungskontext vorgestellt. 

 

Unter dem Titel „Packen wir's an!“ widmet sich die AUVA in ihrem laufenden Präventionsschwerpunkt noch bis Ende 2022 der Vermeidung von Muskel-Skelett-Erkrankungen (MSE). Beim Forum Prävention 2022 im Mai in Innsbruck wurden Informationen, Angebote und praktische Beispiele zu diesem Thema vorgestellt, der Fokus lag dabei auf der Arbeit im Homeoffice. Weitere Vorträge boten bereits Einblicke in den neuen AUVA-Präventionsschwerpunkt 2022-24 „Komm gut an!“ zur Verkehrssicherheit. Besonderes Augenmerk lag auf der Arbeitssituation junger Menschen, mit der sich auch der Keynote-Vortrag befasste.

 

Chancen für Junge

Ali Mahlodji, BSc, der auf eine Bilderbuchkarriere vom Geflüchteten und Schulabbrecher bis zum Unternehmer, EU-Jugendbotschafter auf Lebenszeit, Berater und Autor zurückblicken kann, erklärte in seiner Keynote, welche Erwartungen Jugendliche und junge Erwachsene in Bezug auf ihr Berufsleben haben: „Die 'Generation Global' will das, was Menschen in Krisenzeiten immer schon wollten: Chancengleichheit, Orientierung und Sicherheit.“ Jungen Arbeitnehmern:Arbeitnehmerinnen einfach zu sagen, was sie zu tun hätten, funktioniere nicht mehr. Es gehe darum, Menschen zu entwickeln, Coach und Mentor:in zu sein.

 

Die Chancen für eine positive Entwicklung im Berufsleben sind laut Univ.-Prof. Mag. Dr. Jörg Flecker vom Institut für Soziologie der Universität Wien ungleich verteilt: „Je nach Klassenlage und Geschlecht ist es unterschiedlich, welche Optionen zur Verfügung stehen.“ Eine an seinem Institut durchgeführte Studie befasst sich mit einer oft vernachlässigten Gruppe: den Schülern:Schülerinnen an Neuen Mittelschulen. Den meisten sei es wichtig, die Schule abzuschließen und einen Beruf zu haben, so der Soziologe. Der anfängliche Optimismus, später einmal im Wunschberuf tätig zu sein, nehme jedoch im Lauf der Jahre ab.

 

Risikofaktoren für MSE

Ob sich junge Menschen an ihrem Arbeitsplatz wohlfühlen, hängt auch von den körperlichen Belastungen ab. DI Ernst Piller vom Zentral-Arbeitsinspektorat präsentierte die von der Arbeitsinspektion erstellte Checkliste zur Beurteilung von Belastungen bei Jugendlichen und Erwachsenen: „Mit der Checkliste stellen wir fest, ob Risikofaktoren für MSE vorhanden sind, Sie enthält mess- und beurteilbare Parameter, Beispiele typischer Tätigkeiten und Angaben zur betroffenen Körperregion.“ Unterschiede zwischen Jugendlichen und Erwachsenen gibt es etwa im Bereich Heben, Halten und Tragen im Hinblick auf das Gewicht der Last oder auf die zulässige Häufigkeit des Arbeitsvorgangs.

 

Auf die Rolle von psychischen Belastungen bei der Entstehung von MSE wies Mag. Ulrike Amon-Glassl, Vorstandsmitglied der Österreichischen Arbeitsgemeinschaft für Ergonomie (ÖAE) hin: „Die Wahrscheinlichkeit für Muskel-Skelett-Beschwerden ist bei einer Reihe von ungünstigen Arbeitsbedingungen stark erhöht: um mehr als das Doppelte bei negativem Sozialklima und mangelnden Rückmeldungen, um fast das Doppelte bei wenig inhaltlichem Spielraum, wenig Information und Mitsprache, geringer Abwechslung und geringem Haltungswechsel.“ Betroffene Arbeitnehmer:innen sollten sich aktiv Unterstützung holen und diese auch annehmen.

 

Sowohl für psychische als auch für körperliche Probleme kann man mit Hilfe des Präventionsprogramms AUVAfit Lösungen finden. Mag. Michaela Strebl, Ergonomin in der AUVA-Hauptstelle, nannte als Beispiel für die Reduktion körperlicher Belastung in einem Betrieb der Papierindustrie die Anschaffung eines Folierautomaten. AUVA-Kampagnenmanagerin Dr. Marie Jelenko führte als Good-Practice-Beispiel die mit der Goldenen Securitas 2021 ausgezeichnete Konditorei Neumeister an, die mehrere Maßnahmen zur Entlastung ihrer Mitarbeiter:innen gesetzt hatte, darunter die Installation einer Hebehilfe für das Einfüllen des Teiges.

 

Arbeitsunfälle

Neben jahrelanger Überlastung, die oft MSE zur Folge hat, können auch Unfälle Schäden des Bewegungs- und Stützapparats verursachen. Ing. Georg Oberdorfer von der Abteilung für Unfallverhütung und Berufskrankheitenbekämpfung in der AUVA-Hauptstelle betonte, dass vor allem Jugendliche und junge Erwachsene betroffen seien: „Die Unfallraten bei jungen Menschen sind um den Faktor 1,5 bis 2 höher als bei Personen aus anderen Altersgruppen.“ Beginnt man früh mit Aufklärungs- und Präventionsmaßnahmen, führt das zu einer geringeren Unfallwahrscheinlichkeit während des gesamten Arbeitslebens.

 

Gemessen an der Schwere der Arbeitsunfälle quer durch alle Altersgruppen führt der Bereich Verkehr. „Der Anteil der Verkehrsunfälle an allen Arbeitsunfällen ist mit neun Prozent gering, aber jeder dritte endet tödlich“, gab Mag. Felicitas Kienböck, MSc, Fachkundiges Organ Verkehr in der AUVA-Hauptstelle, zu bedenken. Knapp ein Drittel der Verkehrsunfälle lässt sich auf Ablenkung zurückführen. Es folgen überhöhte Geschwindigkeit, Vorrangverletzungen, Müdigkeit, zu geringer Abstand und technische Mängel.

 

Um die Anzahl insbesondere der schweren Verkehrsunfälle im Arbeitskontext zu senken, hat die AUVA den Präventionsschwerpunkt 2022-24 „Komm gut an!“ (www.auva.at/komm-gut-an) initiiert. Als Arbeits- bzw. Wegunfall gilt ein Verkehrsunfall dann, wenn er sich entweder am Arbeitsweg – also am Weg in die Arbeit bzw. wieder nach Hause – ereignet, oder im Zuge der Dienstverrichtung außerhalb des Unternehmensstandorts, erklärte Mag. Klaus Bohdal vom Unfallverhütungsdienst der AUVA-Landesstelle Linz. Unfälle im Werksverkehr am Unternehmensstandort, etwa mit Staplern, gelten ebenfalls als Arbeitsunfälle.

 

Im Fokus stehen auch Unfälle mit nicht motorisierten Fahrzeugen, da sich durch die Pandemie das Mobilitätsverhalten geändert hat. „Scooter und Rad gewinnen an Bedeutung bei Wegen in die Arbeit und nach Hause. Auch am Werksgelände werden Scooter eingesetzt“, so Kienböck. Mit dem neuen Schwerpunkt sollen Ausbildungsstätten und Betriebe über die Möglichkeiten zur Verhinderung von Verkehrsunfällen informiert und Verkehrssicherheit als fixer Bestandteil in der Präventionsarbeit von Unternehmen verankert werden.

 

Das nächste Forum Prävention wird von 22. bis 25. Mai 2023 in Wien stattfinden.

 

Text: Rosemarie Pexa

Fotos © Richard Reichhart