Ganz auf Linie

In der Geometrie sachlich, in der Materialverwendung asketisch, in der optischen Erscheinung ästhetisch – so lässt sich die Ende 2017 in Betrieb genommene, neue Produktionshalle der Firma Herrmann kurz und treffend klassifizieren. Mit seinem KfW-55-Energiestandard zeigt das Industriegebäude außerdem eine wegweisende Energieeffizienz.

 

Seit seiner Gründung vor knapp 15 Jahren ist das in unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern aktive Familienunternehmen Herrmann stetig gewachsen. Nach immer neuen räumlichen Provisorien galt es irgendwann, ausreichend Raum in einem zusammenhängenden Arbeits- und Produktionsumfeld zu schaffen für die mittlerweile über 100 Mitarbeiter.

 

Mit gebührender Flächenversorgung allein war es aber nicht getan. Wer in immer wieder wechselnden und sich verändernden Aufgabenbereichen unterwegs ist und mehr als 24.000 verschiedene Produkte herstellt, muss auch besonderes Augenmerk auf Flexibilität in den komplexen Herstellungsprozessen richten. Das Umsiedeln ihres Betriebes in das maßgeschneiderte Leutkircher Domizil betrachten die geschäftsführenden Gesellschafter Thomas und Ralf Herrmann deshalb nicht nur als positiven Meilenstein, sondern als wichtigen Schritt auf dem weiteren Weg in eine erfolgreiche Firmenzukunft.

 

Für die ortsansässigen Planer von Redle Architekten bedeutete diese Aufgabe, sich im Zuge der baulichen Konzeption zunächst einmal mit den variablen Arbeitsformen der Produktion vertraut zu machen. Immer wieder neue Maschinen und Anlagenteile – bisweilen vom Unternehmen selbst entwickelt – in veränderliche Prozessketten einfügen, dafür Vorhandenes aus- oder umlagern und immer Platz genug zu haben, optimierte Fertigungslinien zu installieren, erfordert in erster Linie ein großes Flächenangebot. Jeder Quadratmeter Nutzfläche ist aber in der baulichen Herstellung und in der betrieblichen Vorhaltung teuer und belastet auf Jahre hinaus das Unternehmensbudget. Das von Planern und Bauherren in einem vereinten Optimierungsprozess entschiedene Festzurren der Größenordnung und Maßstäblichkeit ähnelte deshalb einem aufreibenden Puzzle mit teilweise nicht im Voraus kalkulierbaren Variablen.

 

Mit ihren quadratischen Maßen von rund 50 Metern Länge und Breite sowie einer Höhe von 13,5 Metern umschließt die Produktionshalle einen umbauten Raum von nahezu 34.000 Kubikmetern und bietet mit einem Seitengebäude insgesamt eine Nutzfläche von 3.400 Quadratmetern. Dominiert wird der Gesamtbaukörper vom voluminösen Quader der Produktionshalle. Das an der Ostseite direkt angefügte, geschossweise abgestufte und turmartig auslaufendes Nebengebäude ist von der Architektur und Nutzung bereits so konzipiert, dass es bei einer – bereits ins Auge gefassten – spiegelbildlichen baulichen Erweiterung, als Achse und Gelenk für den späteren Gesamtkomplex dienen wird.

 

Diese architektonische Funktion wird bereits jetzt von der Außenhaut betont, die sich mit puristisch grauen Sichtbetonflächen streng von der gerasterten Hallenarchitektur abgrenzt. Nur um den geschlossenen Gesamteindruck der Kubusfassade nicht zu stören, erhielt die parallel abschließende Gebäudefront des Anbaues ebenfalls eine Vorhangfassade – bewusst in einer tiefdunklen Farbe abgesetzt, aber mit identischer Materialität, was optisch signalisiert: Zwar ist an dieser Stelle erstmal Schluss, aber später wird sich hier baulich noch etwas tun.

Im Vergleich zu dieser formalen Zurückhaltung spielen die Vorhangfassaden des riesenhaften Hallenquaders regelrecht mit ihrer eigenen Variabilität und mit der Geometrie des rundum nahezu geschlossenen Baukörpers. Im virtuosen Wechsel von Rasterung und Farbigkeit nehmen die dadurch kleinteilig wirkenden Flächen dem großen Volumen die Massigkeit. Zugleich erhält jede einzelne Fassadenfläche und in deren Addition das gesamte Gebäude eine eigene hohe Gestaltungsqualität.

Dabei sorgt eine um das Gebäude geführte horizontale Dreiteilung der Flächen für eine optische Reduktion der Gebäudehöhe. Diese Empfindung beruht auf betonten Einschnürungen durch Horizontalfugen, die in geschickter Komposition mit einer augenfälligen vertikalen Fassadenrasterung korrespondieren. Deren Grundlage ist ein Streifenmuster, das allerdings nicht als gleichmäßiges Dekor auftritt. Die Variation von Breite und Farbigkeit der Paneele sowie ein geringer Seitenversatz derselben entlang der schmalen Trennlinie im oberen Flächendrittel halten vielmehr das Betrachterauge in Bewegung, wodurch sich die Gebäudedimensionen der statischen Gesamterfassung in gewissen Grenzen entziehen.

 

Die Fassadenteilung in der Sockelzone markiert ein rund drei Meter hoch gezogener heller Horizontalstreifen aus Sichtbeton, der in der Erschließungs- und Rückfassade zu einem Fensterband aufgelöst wurde. Mit zwei gläsernen Industrie-Rolltoren und dem zur Front hin abgestuften Seitenbau fügt sich die Hauptfassade sehr dezent in das ästhetische Gesamtbild des Gebäudekomplexes.

Gleichsam als Blickfang an der Fassade und – im doppelten Sinne – zugleich als weithin sichtbare Visitenkarte der unternehmenseigenen Präzision, dient der auf zwei Seiten um die Südwest-Ecke korrespondierende, schneeweiße Firmenschriftzug. Vom dunklen Fassadenhintergrund verstärkt, wirken die geometrisch wohl gesetzten Lettern wie herausgestanzt. Sie zeugen „in der Tat“ von höchster gestalterischer Akkuratesse, stammen sie doch aus der firmeneigenen Fertigung, ebenso wie die zwängungsfrei durch die Fassade geführten und auf den Millimeter genau in die Unterkonstruktion verankerten Befestigungsteile. Diskussionen bis ins Detail hinein zwischen Bauherrschaft, Architekt, Fassadenhersteller und Fassaden-Montagefirma im konzeptionellen Vorfeld kann man sich ebenso leicht vorstellen, wie Herzklopfen beim lasergestützten Arrangieren der Gewerke übergreifenden Meisterleistung.

 

Ein wertbeständiges Gebäude sollte der Neubau werden, mit einer effizienten Gebäudetechnik und in Punkto Architektur außen wie innen ein gestalterischer Vorzeigebau – das war der Bauherren Anspruch an die Architekten. Als Basis der Gesamtfläche und robusten Industrieboden wählten sie eine wärmegedämmte Beton-Bodenplatte. Ein Skelett aus einzeln eingespannten Stahlbetonstützen bildet die Tragkonstruktion, die in zwei Feldern von Stahlbeton-Deckenträgern überspannt wird. Auf rund neun Metern Höhe laufen auf Konsolen zwei Portalkräne, die beim Wechsel von Produktionslinien die Installations- und Umsetzzeiten der Maschinen minimieren. Auch ein auf halber Höhe umlaufender Stahl-Wartungsgang dient der Effizienz betrieblicher Abläufe.

Für die Mineralfaser-Wärmedämmung der Gebäudehülle lieferte das Unternehmen DOMICO eine Wand-Kassettenkonstruktion mit 140 mm Dämmstärke. Über der Trapezblech-Tragschale des Flachdaches liegt eine 220 mm dicke Mineralfaser-Dämmung, dicht anschließend an zwei großflächige Lichtbänder in entsprechender Dämmqualität. Die Außenhaut der Fassade mit allen An- und Abschlüssen lieferte ebenfalls der österreichische Metallfassaden-Hersteller bis ins Detail konfektioniert und montagefertig auf die Baustelle.

 

Zur Unterkonstruktion der durchdringungsfrei verlegten DOMICO-Planum 27 gehört eine zusätzliche Mineralwolledämmung von 50 mm Dicke für das Überdecken der Kassettenstege. Erst der zweite Blick auf die Fassaden erschließt die Komposition der zunächst ordnungslos erscheinenden Streifenmuster: Das gesamte Arrangement geht aus dem Entwurf einer exakt geregelten Abfolge aus lediglich drei Paneelbreiten hervor. Dabei bekam jede Paneelbreite eine bestimmte Farbe zugeordnet, davon eine Farbe mit matter Oberfläche. Im Einzelnen besteht die meisterhafte Komposition aus den Paneelbreiten 500 mm (RAL 7021 matt), 400 mm (RAL 7021) und 300 mm (RAL 7016). Die prägnante Fassade wurde zwischen Redle Architekten, dem Hersteller DOMICO und der ausführenden Firma Kemmler aus Tübingen von Anbeginn detailliert diskutiert, organisiert und bei der Montage penibel überwacht. Eine anfängliche Besorgtheit der Bauherrschaft wegen Terminen und Kosten legte sich spätestens bei der erfolgreichen Integration ihrer einprägsamen Visitenkarte.

 

Beim Energieverbrauch ist das Gebäude auf die Erfüllung des KfW-55-Standards ausgerichtet. Damit wurde eine wegweisende Qualität im Industriebau erreicht und zugleich die finanzielle Förderung aus öffentlichen Mitteln möglich. Für effizientes wechselseitiges Heizen und Kühlen über die kernaktivierte Bodenplatte wurde eine mehrstufig geregelte Wärmepumpen-Anlage aus dem kalkulierten Energiemix der Produktion heraus konzipiert. Sie nutzt nicht nur das in Fließrichtung entnommene Grundwasser aus dem Baugrund, sondern auch die Abwärme von Maschinen-Kühlwasser in einem integralen Versorgungskreislauf. Auch für diese Zapfstellen wurden bereits im baulichen Konzept die notwendigen Positionen optimiert.

 

Die Technikzentrale befindet sich mit diversen Versorgungsräumen für das Personal im mehrgeschossigen seitlichen Anbau, der sich auch damit bereits ganz auf Linie für die spiegelbildliche Hallenerweiterung befindet.

 

Statement DOMICO Geschäftsführerin Frau Mag. Doris Hummer:

„Als Familienunternehmen legen wir besonderen Wert auf Nachhaltigkeit und Qualität. 40 Jahre Erfahrung sowie eine enge Partnerschaft mit Architektur und Handwerk spiegeln sich in unseren Produkten wider.“

 

Statement Redle Architekten, Dipl.-Ing. Stefan Redle Freier Architekt, D-88299 Leutkirch:

„Viel Erfahrung und spezielles Know-how sind notwendig, um das passende Gebäude für den Bauherrn zu finden und spezifische Produktions- und Logistikabläufe in den Gebäudeentwurf zu integrieren. Hier ist bei der Kombination von Gestaltung und Funktionalität vorausschauendes Denken gefragt, denn Gebäude sollen nicht nur möglichst lange top aussehen, sondern auch wartungsfreundlich sein. Günstige Unterhaltskosten rücken immer mehr in den Fokus der Planungen. Wir sehen uns jedoch vor allem in der Funktion von Beratern, die ihr Wissen zur Verfügung stellen und Empfehlungen aussprechen, die Vorschläge sollen dem Bauherrn dabei helfen, seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Mit der Firma DOMICO aus Vöcklamarkt in Oberösterreich haben wir einen zuverlässigen Partner für die Außenfassade gefunden, die genau unsere Ansprüche erfüllt“, sagt Dipl.-Ing. Stefan Redle, „denn eine Fassade ist nicht nur eine Gebäudehülle, sie verleiht dem Baukörper seine unverwechselbare Identität“.