Muskel-Skelett-Erkrankungen sind vermeidbar

Am 20. Oktober startete die europäische Kampagne „Gesunde Arbeitsplätze – Entlasten Dich!“ in Österreich.

Arbeitsbedingte Muskel-Skelett-Erkrankungen (MSE) – das Thema, das die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA) für ihre Kampagne 2020 bis 2022 gewählt hat, ist nicht neu. Bereits zum dritten Mal liegt der Schwerpunkt auf der Prävention von MSE, dem häufigsten arbeitsbedingten Gesundheitsproblem in Europa. Eine Premiere war die Form der Auftaktveranstaltung in Österreich am 20. Oktober, die aufgrund der Corona-Schutzmaßnahmen zum ersten Mal als interaktive Videokonferenz stattfand.

 

„Im Fokus stehen arbeitsbedingte Muskel-Skelett-Erkrankungen, die Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in ganz Europa betreffen. Allein in Österreich sind MSE für ein Fünftel aller Krankenstandstage verantwortlich“, erklärte Mag. Christine Aschbacher, Bundesministerin für Arbeit, Familie und Jugend. MSE würden nicht nur die Lebensqualität massiv einschränken, sondern auch mehrere Millionen Euro jährlich an Kosten verursachen. Die Zahlen müssten rasch und nachhaltig gesenkt werden.

 

Dass das Ministerium dabei als Arbeitgeber selbst mit gutem Beispiel vorangehe, betonte Bernadette Humer, MSc, Generalsekretärin des Bundesministeriums für Arbeit, Familie und Jugend. „Wir versuchen, Bewegung in den Dienstalltag zu integrieren. Wir bieten Fitnessmaßnahmen wie „Rückenfit“ und Krafttraining an, auch gemeinsam mit der AUVA.“ Eigens ausgebildete Bedienstete des Ministeriums bieten während der Dienstzeit täglich fünf Minuten Bewegung am Gang an – eine Maßnahme, die sehr gut angenommen wird.

 

Prävention zahlt sich aus

Der Obmann der AUVA DI Mario Watz verwies auf die Erfolge gezielter Präventionsarbeit: Die Anzahl an Arbeitsunfällen konnte in den letzten 30 Jahren halbiert werden. Er zeigte sich auch bezüglich der Verhinderung von MSE optimistisch: „Die AUVA als Partner der Unternehmen setzt auf praxisorientierte Prävention und fördert so die Sicherheit am Arbeitsplatz. MSE gehören zu den häufigsten arbeitsbedingten Erkrankungen und sie sind vermeidbar. Prävention zahlt sich hier also wirklich aus.“ 2021 bis 2022 wird auch die AUVA einen Präventionsschwerpunkt zu arbeitsbedingten Muskel-Skelett-Erkrankungen und physischen Belastungen am Arbeitsplatz setzen.

 

Die Botschaft der europäischen Kampagne, so Dr. Christa Sedlatschek, Direktorin der EU-OSHA, konzentriere sich auf drei Schlüsselaspekte: „Erstens frühzeitige Prävention, Intervention und Rehabilitation zur Vorbeugung und Behandlung von MSE bei Beschäftigten jeden Alters. Zweitens Unterstützung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern mit chronischen MSE bei der Rückkehr zur Arbeit und für eine bessere und nachhaltigere Lebensqualität. Drittens Förderung eines ganzheitlichen Präventionsansatzes für MSE, wobei aber auch psychosoziale, organisatorische und individuelle Risikofaktoren berücksichtigt werden müssen.“

 

Managerin des National Focal Point, der Schnittstelle zwischen EU-OSHA und Österreich, ist Mag. Martina Häckel-Bucher vom Zentral-Arbeitsinspektorat. Sie forderte die Unternehmen auf, sich am Wettbewerb der EU-OSHA für gute praktische Lösungen zu beteiligen. Bei der Prävention von MSE gehe es nicht nur um die „großen Dinge“, sondern auch um kleine Maßnahmen wie Schulungen oder Workshops.

 

Verschiedene Ursachen für MSE

Dr. Ingrid Theuermann-Weikinger vom Arbeitsinspektorat Kärnten ging auf die Entstehung von MSE als degenerative Erkrankungen ein: „MSE sind keine monokausalen Erkrankungen, sondern es gibt verschiedene Ursachen. Dazu gehören klassische Fehlbelastungen, Zwangshaltungen, monotone Bewegungen und repetitive Bewegungsmuster. Ursachen sind aber auch Vibrationen von Hand und Arm oder Ganzkörpervibrationen sowie die Krafteinwirkungen beim Handling von schweren Lasten.“

 

Bei den Beschwerden durch MSE liegen Rückenschmerzen an erster Stelle. Diese wurden von 43 Prozent der Beschäftigten in der letzten der regelmäßig durchgeführten EU-weiten Befragungen zur Erhebung der Arbeitsbedingungen genannt. 42 Prozent der Befragten gaben an, Schmerzen im Schulterbereich und den oberen Gliedmaßen zu haben, 29 Prozent Schmerzen in unteren Gliedmaßen und Hüften. Laut österreichischer Krankenstandsstatistik sind MSE nach Erkrankungen des Atmungssystems am zweithäufigsten für Fehlzeiten verantwortlich.

 

Ebenfalls häufig sind psychische Erkrankungen und Verhaltensstörungen, die laut Mag. Julia Steurer, stellvertretende Leiterin der Abteilung für Arbeitsmedizin und Arbeitspsychologie des Zentral-Arbeitsinspektorats, MSE fördern können: „Psychosoziale Belastungen wie monotone Arbeitsabläufe, Konflikte in der Arbeit, Zeitdruck oder schlecht gestaltete soziale Beziehungen verstärken den Druck auf den Bewegungs- und Stützapparat. Das Ungünstigste sind hohe psychische Belastungen im Zusammenhang mit hohen physischen Belastungen.“

 

Vergessene Berufsgruppen

Eine Gruppe von Beschäftigten, bei denen negative physische und psychische Aspekte häufig zusammenkommen sind – meist weibliche – Reinigungskräfte. Sie erfahren im Beruf oft nur wenig Wertschätzung und Anerkennung. Das Arbeitsinspektorat setze daher gemeinsam mit Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern einen Schwerpunkt ihrer Präventionsarbeit in dieser Branche, so Steurer.

 

Mag. Julia Lebersorg-Likar von der AUVA-Hauptstelle nannte Pflege und Kinderbetreuung als weitere Berufe, in denen die Gefahr von MSE oft übersehen werden. Bei Tätigkeiten wie dem Heben und Tragen habe die Automatisierung zu einer Verbesserung und damit zu einer Verringerung der Unfallgefahr beigetragen: „Die Handhabung von schweren Lasten in Zusammenhang mit Ermüdung und einem zusätzlichen Faktor wie beispielsweise einem unebenen Boden erhöht das Risiko des Ausrutschens, des Stolperns, und kann damit zu Unfällen führen.“

 

Anhand von zwei Beispielen erläuterte Lebersorg-Likar Verbesserungsmöglichkeiten. Im ersten Fall ging es um das Heben einer 70 Kilogramm schweren Platte unter ungünstigen Greifbedingungen und der Verwendung einer Aufstiegshilfe mit kleiner Standfläche. Durch die Anschaffung eines Hebearms konnte die Unfallgefahr vermindert werden. Im zweiten Beispiel erschwerten verschmutzte, poröse Räder das Schieben und Lenken eines Rollwagens. Hier ist es ausreichend, die Räder zu warten oder zu erneuern.

 

Auf die Art der physischen Risikofaktoren in österreichischen Betrieben ging Mag. Michaela Strebl aus dem Bereich Ergonomie der AUVA-Hauptstelle näher ein. Auf Platz eins liegen physiologisch ungünstige Körperhaltungen beim Arbeiten im Stehen oder Sitzen, etwa mit PC, Laptop oder Smartphone, gefolgt von Hand-Arm-Bewegungen, die trotz geringer Krafteinwirkung durch rasche Bewegungswiederholung zur Überbeanspruchung führen können. Weitere wichtige Faktoren sind das Heben und Bewegen schwerer Lasten, ermüdende bzw. schmerzhafte Arbeitshaltungen sowie Vibrationen durch handgeführte Werkzeuge und Maschinen.

 

AUVA-Präventionsschwerpunkt 2021

Den Rahmen für den Start des AUVA-Präventionsschwerpunktes zu arbeitsbedingten Muskel-Skelett-Erkrankungen und physischen Belastungen am Arbeitsplatz wird das Forum Prävention, die bedeutendste österreichische Fachveranstaltung auf dem Gebiet der Prävention, im Frühjahr 2021 bilden, so Strebl: „Während unseres Schwerpunktes werden wir neben zahlreichen Informationen für Arbeitgeber, Sicherheitsfachkräfte und Arbeitnehmer in Form von Merkblättern, auf unserer Website oder in Videos, auch Informations- und Fachveranstaltungen für ausgewählte Fachbereiche bieten. Wir planen Kooperationen mit Bildungspartnern und es wird Workshops, Seminare und Webinare zu ausgewählten Themen geben, z. B. zu Telearbeit, Lastenhandhabung und zu digitalen Tools zur Verhinderung von MSE. Besonders hervorheben möchte ich ein Seminar zu neuen Leitmerkmalmethoden, eine Form der Gefährdungsbeurteilung für physische Faktoren.“ Die Seminarangebote sind während der Laufzeit des AUVA-Präventionsschwerpunktes um 50 Prozent ermäßigt.

 

„Entlastungstipps für Kreuz, Knie & Co.“ aus der Praxis für die Praxis gab Dr. Paul Scheibenpflug, Sport- und Kommunikationswissenschafter mit Schwerpunkt Bewegungsergonomie. Er beschrieb z. B., wie man richtig körpernah hebt und gab für die Arbeit am Computer Ratschläge – etwa, den Bildschirm nicht zu hoch zu positionieren: „Wenn ich hinunterschaue, werden die Augen viermal öfter befeuchtet, als wenn ich hinaufschaue. Beim Hinaufschauen hat man eine große Lidspaltenbreite und eine geringere Lidschlagfrequenz, wodurch die Augen eher trocken werden.“ Mache man beim Sitzen einen Rundrücken, so müsse die Halswirbelsäule das kompensieren, was Schmerzen zur Folge haben könne.

 

Good-Practice-Betrieb 

Die richtigen Büromöbel helfen dabei, die Arbeit am Computer möglichst angenehm und schmerzfrei zu gestalten. Wie ein ergonomisch günstiger Bürodrehstuhl beschaffen sein sollte, beschrieb Mag. Heidi Adelwöhrer, CEO des burgenländischen Good-Practice-Betriebs Neudoerfler Büromöbel: „Er soll flexibel sein, damit die kleinen Muskelgruppen bewegt werden.“ Wie man darauf richtig sitzt, zeigt bei Neudoerfler eine Physiotherapeutin den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – und auf Wunsch auch den Kunden.

 

In der eigenen Möbelproduktion hat Neudoerfler Maßnahmen gesetzt, um die Belastung durch Heben und Tragen zu reduzieren. So werden sperrige Platten mit einem Vakuumsauger gehoben, einer idealen technischen Lösung zur Entlastung der Mitarbeiter. Mit Hilfe von selbst entwickelten Transportwagen mit beweglichen Kunststoffbändern kann man die Platten leicht aus dem Regal ziehen. Sogenannte Lufttische ermöglichen eine fast schwerelose Bewegung von Fertigungsteilen. Eine aufrechte Körperhaltung ermöglichen Scheren-Hubtische, Förderbänder und Rollbahnen in individuell angepasster Arbeitshöhe.

 

Die richtige Tischhöhe stellt bei der Arbeit im Homeoffice, dessen Anteil während des Lockdowns von zehn auf 40 Prozent gestiegen ist, ebenso oft ein Problem dar wie ein geeigneter Bürostuhl. Dr. Anna Ritzberger-Moser, Leiterin der Sektion VII Arbeitsrecht und Zentral-Arbeitsinspektorat im Bundesministerium für Arbeit, Familie und Jugend, zeigt sich optimistisch, dass noch vor Weihnachten eine Leitlinie für die Arbeit im Homeoffice vorliegen wird, an der man sich auch bei der Prävention von MSE orientieren kann.

 

Europaweite Vernetzung

DI Georg Effenberger, Leiter der Abteilung Prävention in der Hauptstelle der AUVA, nahm ebenfalls zur Verlegung des Arbeitsplatzes in die eigenen vier Wände Stellung: „MSE können in jedem Beruf vorkommen, wenn große Lasten zu bewegen sind, aber auch im Büro und im Homeoffice. Es geht darum, Angebote zu machen, Bewusstsein zu schaffen, Lernen zu ermöglichen und dann Verhältnisse zu schaffen, die ein möglichst gesundheitsgerechtes Verhalten fördern.“ Da es schon viele Studien und gute Beispiele für Lösungen in Betrieben gebe, sei europaweite Vernetzung das Mittel der Wahl, um diese wertvollen Erfahrungen auch für Österreich nutzbar zu machen..

 

„MSE kosten den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern die Gesundheit, den Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern Geld in Form von Abwesenheiten. Hat jemand Schmerzen, so schränkt das seine Produktivität ein, selbst wenn er am Arbeitsplatz ist“, stellte Mag. Christa Schweng, Abteilung für Sozialpolitik und Gesundheit der Wirtschaftskammer Österreich, fest. Oft sei es schwierig herauszufinden, ob eine Muskel-Skelett-Erkrankung bei privaten Tätigkeiten oder im beruflichen Kontext entstanden sei, da z. B. der Tennisarm die gleiche Symptomatik zeige wie der Mausarm.

 

MMag. Petra Streithofer von der Abteilung Sicherheit, Gesundheit und Arbeit der Arbeiterkammer Wien nahm die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber in die Pflicht. Diese dürften nicht nur auf der Verhaltens-, sondern müssten auch auf der Verhältnisebene arbeiten. „Schulungen zum Thema richtiges Heben und Tragen sind sehr wichtig, aber vorrangig ist es, etwas an den Verhältnissen in den Betrieben zu ändern, technische Maßnahmen zu ergreifen, z. B. Hebehilfen zur Verfügung stellen“, so die Juristin.

 

Anerkennung als Berufskrankheit

Auf eine Gruppe von Arbeitnehmerinnen wies Dr. Ingrid Reifinger vom ÖGB-Referat Sozialpolitik-Gesundheitspolitik hin, für die Prävention zu spät kommt: „Frauen in der Pflege, meist 50-plus, die in den späten 1970er, 80ern zu arbeiten begonnen haben. Damals hat es noch keine höhenverstellbaren Betten gegeben, die gesundheitlichen Auswirkungen merkt man erst 25, 30 Jahre später.“ Daher sei es wichtig, dass – wie in Deutschland – bandscheibenbedingte Erkrankungen durch langjähriges schweres Heben und Tragen als Berufskrankheit anerkannt würden.

 

Zum Abschluss der Veranstaltung betonte Stephanie Probst, Expertin für Arbeit & Soziales und Arbeitsrecht der Industriellenvereinigung, dass bei der Prävention von MSE die Sozialpartner zusammenarbeiten müssten: „Das ist ein Thema, das jeden betrifft, egal, ob wir vom klassischen Büroarbeitsplatz reden, dem LKW-Fahrer oder der Produktion. Da gibt es Verbesserungspotentiale bei Information, Aufklärung und Prävention. Diese zu nützen liegt im Interesse der Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sowie der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.“

 

Text: Rosemarie Pexa